Die Frage, der im vorliegenden Beitrag nachgegangen wird, ist die folgende: Inwiefern ist die Übermittlung bzw. Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse ein Übersetzungsproblem? Obwohl es nicht unbedingt nahe liegt, lautet die Antwort: Grundsätzlich. Zwar werden wissenschaftliche Forschungsarbeiten – Monographien und Fachaufsätze – nicht prinzipiell übersetzt (das ist bei Monographien eher die Ausnahme, bei Fachaufsätzen ganz ungewöhnlich bzw. gar nicht der Fall). Übersetzen scheint nicht zu den Grundbestandteilen der wissenschaftlichen Tätigkeit zu gehören. Der Bejahung der eingangs gestellten Frage liegt aber eine andere Feststellung zugrunde, die auf eine bemerkenswerte Aporie verweist. Die wissenschaftliche Forschung spielt sich in vielen Disziplinen überwiegend oder sogar ausschließlich auf Englisch ab; schon Anfang der 90er Jahre (Skudlik 1990: 114f.) wurden beispielsweise die theoretischen Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik, Medizin – ohne klinische Medizin –, Geologie, sowie noch die Strukturwissenschaften Mathematik und Logik; zu dieser Klassifikation vgl. Ammon 2015: 547) als die „anglophonen Wissenschaften“ bezeichnet. Andererseits lässt sich aber feststellen, dass die akademische Lehre größtenteils (insbesondere in Europa) in der Landessprache stattfindet. Forschung auf Englisch, Lehre auf Deutsch: Wie ist das überhaupt möglich? Es muss ja ein gewaltiger Übersetzungsprozess angenommen werden, dessen man sich bewusst zu werden braucht und dessen Konturen zu klären sind. Die Einheit selbst von Forschung und Lehre, soweit sie hoffentlich noch zu den Aufgaben der Universität gehört, scheint insofern maßgeblich, sogar entscheidend von einem solchen Übersetzungsprozess mitbestimmt zu sein: die Einheit von Forschung und Lehre scheint heute, im Unterschied etwa zu den letzten beiden Jahrhunderten, erst aufgrund dieses Übersetzungsprozesses überhaupt denkbar zu sein.
Wissenschaftliche Erkenntnisse umsetzen. Der Übersetzungsprozess zwischen englischsprachiger Forschung und deutschsprachiger Lehre und die Rolle der Lehrbücher / Bongo, Giancarmine. - (2021), pp. 431-444.
Wissenschaftliche Erkenntnisse umsetzen. Der Übersetzungsprozess zwischen englischsprachiger Forschung und deutschsprachiger Lehre und die Rolle der Lehrbücher
Giancarmine Bongo
2021
Abstract
Die Frage, der im vorliegenden Beitrag nachgegangen wird, ist die folgende: Inwiefern ist die Übermittlung bzw. Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse ein Übersetzungsproblem? Obwohl es nicht unbedingt nahe liegt, lautet die Antwort: Grundsätzlich. Zwar werden wissenschaftliche Forschungsarbeiten – Monographien und Fachaufsätze – nicht prinzipiell übersetzt (das ist bei Monographien eher die Ausnahme, bei Fachaufsätzen ganz ungewöhnlich bzw. gar nicht der Fall). Übersetzen scheint nicht zu den Grundbestandteilen der wissenschaftlichen Tätigkeit zu gehören. Der Bejahung der eingangs gestellten Frage liegt aber eine andere Feststellung zugrunde, die auf eine bemerkenswerte Aporie verweist. Die wissenschaftliche Forschung spielt sich in vielen Disziplinen überwiegend oder sogar ausschließlich auf Englisch ab; schon Anfang der 90er Jahre (Skudlik 1990: 114f.) wurden beispielsweise die theoretischen Naturwissenschaften (Biologie, Chemie, Physik, Medizin – ohne klinische Medizin –, Geologie, sowie noch die Strukturwissenschaften Mathematik und Logik; zu dieser Klassifikation vgl. Ammon 2015: 547) als die „anglophonen Wissenschaften“ bezeichnet. Andererseits lässt sich aber feststellen, dass die akademische Lehre größtenteils (insbesondere in Europa) in der Landessprache stattfindet. Forschung auf Englisch, Lehre auf Deutsch: Wie ist das überhaupt möglich? Es muss ja ein gewaltiger Übersetzungsprozess angenommen werden, dessen man sich bewusst zu werden braucht und dessen Konturen zu klären sind. Die Einheit selbst von Forschung und Lehre, soweit sie hoffentlich noch zu den Aufgaben der Universität gehört, scheint insofern maßgeblich, sogar entscheidend von einem solchen Übersetzungsprozess mitbestimmt zu sein: die Einheit von Forschung und Lehre scheint heute, im Unterschied etwa zu den letzten beiden Jahrhunderten, erst aufgrund dieses Übersetzungsprozesses überhaupt denkbar zu sein.File | Dimensione | Formato | |
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